Die Suche nach einer bezahlbaren Wohnung ist in den deutschen Metropolen längst ein Volkssport. In Berlin oder München kennt man die Prozedur: unzählige Besichtigungen, Bewerbermappen so dick wie Romane und die schiere Unmöglichkeit, mit einem durchschnittlichen Einkommen eine angemessene Wohnung zu finden. Für Menschen mit einem Wohnberechtigungsschein, kurz WBS, kann der Markt etwas zugänglicher sein, zumindest auf dem Papier. Doch was passiert, wenn man nicht in der Großstadt bleiben will oder kann? Wenn das Ziel nicht die innenstadtnahe Wohnung ist, sondern ein Leben näher am Meer, am Wattenmeer oder an der Ostsee?

Die Vorstellung, mit einem WBS an die Küste zu ziehen, wirkt für viele zunächst utopisch. Der soziale Wohnungsbau, so die verbreitete Annahme, spielt sich in den Ballungszentren ab, nicht in Seebädern oder kleinen Hafenstädten. Das ist ein Trugschluss. Auch in Schleswig-Holstein, Niedersachsen und Mecklenburg-Vorpommern gibt es Wohnungen, für die ein Wohnberechtigungsschein benötigt wird. Der Weg dorthin ist nur ein anderer, oft weniger formalisierter und stärker von lokalen Gegebenheiten geprägt. Wer die Regeln kennt, kann sie nutzen. Ein guter erster Schritt ist es, sich über die formalen Grundlagen zu informieren, zum Beispiel auf einer spezialisierten Seite wie WBS.

Der Norden hat andere Register: Gemeinden und Genossenschaften

Während in Hamburg die landeseigene SAGA oder große städtische Wohnungsbaugesellschaften den Markt für Sozialwohnungen dominieren, sieht es in Nordfriesland oder Vorpommern anders aus. Hier sind es häufig kleinere, kommunale Wohnungsgesellschaften oder eingetragene Wohnungsgenossenschaften, die den Bestand an preisgebundenen Wohnungen verwalten. Ihre Websites sind manchmal weniger glamourös, ihre Verfahren wirken altmodisch – ein Anruf beim Sachbearbeiter ist oft wirkungsvoller als eine Online-Bewerbung. Ich erinnere mich an eine Familie aus Bremen, die nach St. Peter-Ording wollte. Sie riefen wochenlang bei der örtlichen Wohnungsbaugesellschaft an, immer freitags vormittags, weil sie wussten, dass dann die Sekretärin, Frau Hansen, Zeit für ein Schwätzchen hatte. Aus diesem Kontakt entstand kein sofortiges Angebot, aber eine Vertrauensbasis. Als dann eine altersgerechte Wohnung frei wurde, dachte Frau Hansen sofort an sie. Das ist das Küstenprinzip: Persönlichkeit schlägt Portfolio.

Die Vergabekriterien können sich ebenfalls unterscheiden. In vielen Küstengemeinden spielt die Ortsbindung eine große Rolle. Wer bereits in der Gemeinde wohnt oder dort arbeitet, hat oft Vorrang. Das klingt nach einem Nachteil für Zuziehende, muss es aber nicht sein. Ein befristeter Arbeitsvertrag bei einem regionalen Arbeitgeber, etwa in der Tourismusbranche, in einer Kita oder im handwerklichen Bereich, kann diese Hürde überwinden und die Chancen auf eine WBS-Wohnung deutlich erhöhen. Es geht darum, der anonymen Bewerbernummer ein Gesicht und eine Geschichte zu geben.

Leerstand ist nicht gleich verfügbar: Das Timing an der Küste

Der Wohnungsmarkt an der Küste unterliegt saisonalen Schwankungen, die den Großstadtmarkt nicht kennt. Viele Wohnungen, auch im preisgebundenen Segment, sind als Ferienwohnungen vermietet. Das schafft eine eigenartige Situation: Man sieht leerstehende Objekte im Winter, doch sie sind nicht für die dauerhafte Vermietung freigegeben. Der Wendepunkt kommt oft mit einer Veränderung in der Kommunalpolitik oder im Bestandshalter. Wenn eine Gemeinde beschließt, den Zweckwohnungsbau zu fördern, um ganzjährige Einwohner zu halten, können ehemalige Ferienappartements in den sozialen Wohnungsbau überführt werden.

Ein konkretes Beispiel fand ich vor einigen Jahren auf der Insel Fehmarn. Ein größerer Komplex mit maroden Appartements wurde von der Kommune aufgekauft, saniert und anschließend explizit an Haushalte mit WBS und mit Nachweis eines ganzjährigen Arbeitsplatzes auf der Insel vermietet. Der Schlüssel zum Erfolg der Interessenten lag nicht nur im WBS-Schein, sondern in ihrer Fähigkeit, der Gemeinde ihre dauerhafte Bleibeabsicht zu vermitteln. Das bedeutete: Vor-Ort-Termine wahrnehmen, mit den lokalen Wirtschaftsförderern sprechen, den eigenen Lebenslauf in den Kontext der Region stellen. Die reine Online-Bewerbung war hier chancenlos.

Vom WBS zum Untermieter: Der Umweg als Königsweg

Manchmal führt der direkteste Weg nicht zum Ziel. Wer mit WBS an die Küste will, sollte auch unkonventionellere Pfade in Betracht ziehen. Eine oft übersehene Option ist der Einstieg über eine Untermiete oder die Übernahme eines bestehenden Mietverhältnisses. In kleinen Küstenorten kennen die Menschen untereinander ihre Situation. Wenn ein Mieter mit einer WBS-Wohnung aus gesundheitlichen Gründen zu Verwandten ziehen muss, sucht er häufig selbst nach einem Nachfolger, dem der Vermieter – oft die Kommune – dann zustimmt. Diese informellen Wege werden über örtliche Anzeigenblätter, Schwarze Bretter in Supermärkten oder das Dorfgespräch bedient.

Ich spreche mit einem Mann, der es so gemacht hat. Er hatte seinen WBS in Lüneburg, fand aber keine passende Wohnung. Über einen Bekannten erfuhr er von einem Rentner in Cuxhaven, der für ein halbes Jahr in eine Reha-Einrichtung musste und einen Untermieter für seine kleine, preisgebundene Wohnung suchte. Der Mann zog ein, kümmerte sich um den Blumengarten des Mieters und integrierte sich in den Hausflur. Als der eigentliche Mieter beschloss, dauerhaft bei seiner Tochter zu leben, schlug er dem Vermieter, der städtischen Wohnungsgesellschaft, vor, den Untermieter als neuen Hauptmieter zu übernehmen. Weil dieser sich bereits bewährt hatte und der bisherige Mieter ihn empfahl, stimmte die Gesellschaft zu. Ein formales Bewerbungsverfahren gab es nicht. Seine Beharrlichkeit und sein persönliches Engagement öffneten eine Tür, die auf dem klassischen Weg verschlossen schien.

Die Suche mit einem Wohnberechtigungsschein muss also nicht auf den urbanen Raum beschränkt bleiben. Sie erfordert nur eine andere Taktik: weniger Fokus auf zentralisierte Portale, mehr auf lokale Akteure; weniger standardisierte Kommunikation, mehr persönliche Initiative; weniger Geduld für Massenverfahren, mehr Ausdauer für individuelle Lösungen. Der WBS ist dabei das notwendige Ticket, aber die Fahrkarte allein bringt einen nicht ans Ziel. Man muss selbst losgehen und sich erkundigen, wo der Zug in Richtung Meer überhaupt hält.